Neuerscheinungen

Die Rubrik stellt laufend neue wissenschaftliche Monographien und Editionen zu Hofmannsthal vor.

 


2016

Richard Strauss: Späte Aufzeichnungen. Hg. von Marion Beyer, Jürgen May und Walter Werbeck. Mainz u.a. 2016 (Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 21). [464 S., ISBN 978-3-7957-1092-7, 59,00 €]

Richard Strauss hat in den 1930er und 1940er Jahren 16 Hefte mit memoirenartigen Aufzeichnungen angelegt. Die Texte umfassen autobiographische Notizen ebenso wie Gedanken zur europäischen Kultur- und Musikgeschichte und zur Zeitgeschichte, Ausführungen zu den Auswirkungen der politischen Ereignisse (Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg) auf die abendländische Kultur sowie Gedanken zur Zukunft der Musik im Nachkriegsdeutschland und -europa. Im Rahmen eines DFG-Projekts wurden die Texte erstmals kritisch ediert und kommentiert. Die gemeinsam mit Hofmannsthal entstandenen Werke werden an vielen Stellen erwähnt.

 

strauss_spaete_aufzeichungen

 

 

 


Hugo von Hofmannsthal, Richard Strauss: Der Rosenkavalier. Textfassungen und Zeilenkommentar. Hg. von Dirk O. Hoffmann in Zusammenarbeit mit Ingeborg Haase und Artur Hartlieb-Wallthor. Aquarelle von Friederika Richter. Wien: Hollitzer 2016. [280 S., ISBN 978-3-99012-348-5, 39,90 €]

Durch den Paralleldruck der Fassungen ermöglicht der Band erstmals einen direkten Vergleich zwischen dem Text der Buchausgabe (S. Fischer Verlag 1911) und dem Libretto (Adolph Fürstner [1910]). Ferner bietet er unter Berücksichtigung der lange unbekannten frühesten Szenarien, die Harry Graf Kessler in seinen Tagebüchern fixierte, sowie der in der Folge entstandenen Hofmannsthalschen Niederschriften und daraus resultierender Typoskripte einen ausführlichen Überblick über die Entstehung der Oper. Worterklärungen sowie ein ausführlicher Zeilenkommentar mit Nachweisen der historischen, literarischen und musikalischen Vorbilder schließen sich an.

Vgl. auch das weiterführende Material (u.a. Scans der Erstdrucke) auf der Webseite des Herausgebers Dirk O. Hoffmann.

 

hofmann-rosenkavalier

 

 

 


Hofmannsthal-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hg. von Mathias Mayer und Julian Werlitz. Stuttgart: J.B. Metzler 2016. [416 S., 89,95 €]

Das Handbuch führt vor dem Hintergrund ideen- und kulturgeschichtlicher Kontexte in Hofmannsthals Leben und Werk, sein Umfeld und seinen Wirkungskreis ein. Grundlage der Analysen und Betrachtungen ist die weitgehend abgeschlossene kritische Werkausgabe, wobei auch die umfangreiche Forschungsliteratur ausgiebig gewürdigt wird. Exemplarisch vorgestellt werden nicht nur die Hauptwerke, sondern auch zahlreiche weniger bekannte Nachlasstexte. Vgl. das Vorwort, das Inhaltsverzeichnis und ein Beispielkapitel.

 

hofmannsthal-handbuch

 


Michael Reynolds: Creating Der Rosenkavalier. From Chevalier to Cavalier. Woodbridge: The Boydell Press 2016. [263 S., ISBN 978-1-78327-049-1, £ 50.00, ca. 72,99 €]

Die Studie untersucht erstmals die Abhängigkeit der wohl berühmtesten Hofmannsthal-Strauss-Oper von einem heute gänzlich vergessenen Prätext. Harry Graf Kessler, der „verborgene“ dritte Autor des „Rosenkavalier“, verfolgte im Winter 1907 in Paris die Aufführung der Operette „L’Ingénu libertin“ von Louis Artus. Dieses bislang unbeachtet gebliebene Werk ist zweifellos eine der wichtigsten Quellen des „Rosenkavaliers“, dessen Handlung und Personal von der Forschung traditionell auf sehr viel ältere französische Werke zurückgeführt wurden. Damit zeigt Michael Reynolds Hofmannsthals und Strauss’ größten Opernerfolg in völlig neuem Licht. Detailliert und kenntnisreich erläutert er anhand von unbekanntem Material, welche wesentlichen Elemente Kessler und Hofmannsthal aus dem „Ingénu libertin“ in ihr gemeinsames Werk übernahmen und diesem anverwandelten. Wie Hofmannsthal, angeleitet und unterstützt von Kessler, dem Libretto anverwandelte, zeichnet Reynolds detailliert nach. So erfährt auch Kesslers Anteil am gemeinsamen Werk eine neue Bewertung.

michael_reynolds_rosenkavalier

 

 


Martin Urmann: Dekadenz. Oberfläche und Tiefe in der Kunst um 1900. Wien, Berlin: Turia + Kant 2016. (Phil. Diss. FU Berlin 2014) [711 S., 42,00 €]

Der Berliner Romanist Martin Urmann wählt den Begriff der Décadence als Kriterium eines umfassenden literatur-, kunst- und musikgeschichtlichen Vergleichs sowie der interkulturellen wie ästhetischen Verflechtungen zwischen Pariser und Wiener Moderne. Nach einer Markierung der Ursprünge der Dekadenz in der Duplizität von Apollinischem und Dionysischem in Nietzsches Tragödienschrift ist der Ausgangspunkt der Untersuchung im Zeichen einer Dezentrierung des Subjekts die späte Lyrik Mallarmés als Ort einer Sprache der im Spiel mit sich selbst erzeugten Resonanzen. Die Wien-Kapitel befassen sich vor allem mit Schnitzler, Hofmannsthal und Klimt. Hofmannsthals Frühwerk liest Urmann als Akzentverschiebung von einer längst formelhaften, zitierten Décadence zu einem nicht endenden „Vermittlungsprozess im offenen Zentrum des Sinns“. Vgl. das Inhaltsverzeichnis.

 

martin_urmann

 

 


Hugo von Hofmannsthal: Briefwechsel mit Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe. 1903-1929. Mitgeteilt und kommentiert von Klaus E. Bohnenkamp. Freiburg/Br.: Rombach 2016. [324 S., 38,00 €]

Unter den Frauen, mit denen Hofmannsthal in Briefaustausch stand, nimmt Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe (1855–1934) eine besondere Stellung ein. Der Umgang mit ihr, die als mütterliche Freundin Rilkes bekannt geworden ist, verschafft ihm den einzig geglückten Zugang zur Hocharistokratie, den er von Jugend an gesucht hat. Die 102 überlieferten Nachrichten aus den Jahren 1903 bis 1929, eingeleitet durch eine biographische Skizze der Fürstin, sind Zeugnisse eines sehr persönlichen Dialogs, der, ergänzt um zahlreiche gedruckte und ungedruckte Dokumente, neue Schlaglichter auf Ereignisse und Entwicklungen in beider Leben und Schaffen wirft und beispielhaft das weite Beziehungsgeflecht einer geistig-politischen Elite des alten Europas ausleuchtet.

 

US_HofmannsthalBriefwechsel_DRUCK.indd

 


2015


Sabine Straub: Zusammengehaltener Zerfall. Hugo von Hofmannsthals Poetik der Multiplen Persönlichkeit. Würzburg: Königshausen & Neumann 2015. [421 S., XXXIII S., 58,00 €]

Die Verfasserin nimmt eine Neulektüre von Hofmannsthals Werk unter einem psychiatrischen Gesichtspunkt vor, den sie poetologisch nutzbar macht: Das Identitätskonzept der ‚multiplen Persönlichkeit‘ findet eine Entsprechung in multipler Autorschaft, die sich in einer spezifischen Fragmentästhetik kristallisiert. Experimente der Ich-Dissoziation und -Rekombination im Zuge existenzieller psychophysischer Grenzerfahrungen wie etwa des intensiven Evidenzerlebens an der Schwelle zwischen Leben und Tod treiben das künstlerische Schaffen demnach erst an. Die Monographie schließt produktiv an frühere Studien zu Hofmannsthals Halbschlafbildern an. Dabei weist die Verfasserin nach, dass Hofmannsthal zeitgenössische Suggestionstheorien rezipiert hat, etwa die Symboltheorie Herbert Silberers oder die quasi-poetologische Studie des US-Psychiaters Morton Prince „The Dissociation of a Personality“. Anhand des „Andreas“-Fragments wird gezeigt, wie ‚multiplikatorisches‘ als fragmentarisches Schreiben funktioniert. Dabei diskutiert die Verfasserin eine textgenetisches Edition von Hofmannsthals wichtigstem Prosafragment. Vgl. das Inhaltsverzeichnis.

Sabine_Straub_Zusammengehaltener_Zerfall

 


Alice Bolterauer: Zu den Dingen. Das epiphanische Ding-Erlebnis bei Musil, Rilke und Hofmannsthal. Wien: Praesens-Verlag 2015. [169 S., 21,40 €]

Die Hinwendung zu den Dingen ist nach Auffassung der Autorin Kompensation der krisenhaften Welterfahrung um 1900. Die Empfindungsfähigkeit sei auf diese Weise neu geschärft und die Transformation von Dingen in oder durch Sprache angestoßen worden. Ein neues Sehen, eine neue Sensibilität und eine aporetische Sprache des Unsagbaren mussten entdeckt und erlernt werden; eine eindeutige Zuordnung der Dinge zu ‚Natur‘ versus ‚Kultur‘ sei nicht möglich. Die Epiphanie des Ding-Erlebnisses wird u.a. anhand von Hofmannsthals „Briefen eines Zurückgekehrten“ veranschaulicht. Ein Ausblick auf Texte von Peter Handke, Francis Ponge und Gertrude Maria Grossegger beschließt den Band.

 

Bolterauer, Zu den Dingen

 


Adrian Kech: Musikalische Verwandlung in den Hofmannsthal-Opern von Richard Strauss. München: Allitera 2015. (Phil. Diss. München 2013) [660 S., 68,00 €]

Verwandlung ist eines der zentralen Themen im Bühnenschaffen von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss. „An dem Verlorenen festhalten, ewig beharren, bis an den Tod – oder aber leben, weiterleben, hinwegkommen, sich verwandeln, die Einheit der Seele preisgeben, und dennoch in der Verwandlung sich bewahren“, so umreißt Hofmannsthal Mitte Juli 1911 im sogenannten Ariadne-Brief an den Komponisten den Grundgedanken. Wie aber spiegelt sich das vom Dichter Beschriebene in Strauss’ Musik? Adrian Kechs Dissertation behandelt diese Frage erstmals umfassend, und zwar nicht nur für „Ariadne auf Naxos“, sondern auch für die anderen gemeinsamen Opern „Elektra“, „Der Rosenkavalier“, „Die Frau ohne Schatten“, „Die ägyptische Helena“ und „Arabella“. Musikalische Analysen zeigen, wie Strauss die von Hofmannsthal dichterisch ausgeführte Verwandlungsthematik kompositorisch realisiert hat. Vgl. das Inhaltsverzeichnis.

 

 

Adrian Kech

 

 


 

Hugo von Hofmannsthal: Aphoristisches, Autobiographisches, Frühe Romanpläne. Hrsg. von Ellen Ritter †. Frankfurt am Main 2015. (Sämtliche Werke XXXVI) [567 S., 184 €]

»Die Tiefe muß man verstecken. Wo? An der Oberfläche.« Dieses Credo Hofmannsthals, ein Beispiel aus 547 Reflexionen, Sprichwörtern und Anekdoten über Kunst, Geist, Politik oder Liebe, entstammt dem ›Buch der Freunde‹. Ursprünglich als Privatdruck geplant, wurde es zu einer der bedeutendsten Aphorismensammlungen des 20. Jahrhunderts. Mit ›Ad me ipsum‹, einem Konvolut aus Selbstzitaten und Notizen, wollte Hofmannsthal die Grundlage zu einer adäquaten Interpretation seines Gesamtwerks schaffen. Autobiographisch angelegt sind auch die frühen Romanpläne, in denen er seinen gesellschaftlichen Kreis der 1890er Jahre – Familie, Freunde, die Dichter des ›Jungen Wien‹ und das jüdische Großbürgertum der Ringstraßenzeit – charakterisiert.

Auszug aus dem Buch (Titelei, Register, Inhaltsverzeichnis)

 

Hofmannsthal-Ausgabe, Bd. 37

 

 


Hugo von Hofmannsthal: Reden und Aufsätze 1. Hrsg. von Hans-Georg Dewitz, Olivia Varwig, Mathias Mayer, Ursula Renner und Johannes Barth. Frankfurt am Main 2015. (Sämtliche Werke XXXII) [1134 S., 214 €]

Hofmannsthals Sensibilität für moderne Literatur und bildende Kunst, die in seiner kritischen Prosa der 1890er Jahre zum Ausdruck kommt, war ganz außergewöhnlich. Der junge Hofmannsthal, schrieb Hermann Bahr 1892, suchte nicht »nach abgegrasten Phrasen« und »Schlagworten der Schulen«, sondern er trug »die ganze Zeit … in seinem Geiste«. Die Fähigkeit, seine Lektüren vor dem Hintergrund von Schopenhauer und Nietzsche als Ausdruck zeitgenössischen Denkens zu fassen, die Konfrontation von Kunst und Leben, von Naturalismus und Ästhetizismus und die kritische Reflexion der Sprache lange vor dem Chandos-Brief von 1902 machen diese Arbeiten noch heute zu einer spannenden Lektüre.

Auszug aus dem Buch (Titelei, Register, Inhaltsverzeichnis)

 

Hofmannsthal. Reden und Aufsätze 1

 


Alexander Mionskowski: Souveränität als Mythos. Hugo von Hofmannsthals Poetologie des Politischen und die Inszenierung moderner Herrschaftsformen in seinem Trauerspiel „Der Turm“ (1924/25/26). Wien: Böhlau 2015. (Literaturgeschichte in Studien und Quellen 23) [701 S., 98.00 €]

„Geistige Souveränität – sieht die Welt von oben“. In dieser Notiz formuliert sich nach dem Ersten Weltkrieg Hofmannsthals Anspruch, die Konflikte des gesellschaftlichen Umbruchs literarisch zu bewältigen; d.h. mit der Autorität solchen Überblicks eine Morphologie politischer Formen vorzunehmen, deren Ursprung im Sprachlich-Imaginären er zugleich voraussetzte.
Ziel der Studie ist es daher, insbesondere jene philosophisch-kulturgeschichtlichen Konstellationen im mythopoetischen Denken des Autors zu rekonstruieren, aus welchen „Der Turm“ entstand. Mit textgenetischer Perspektive wird dann der politische Gehalt dieses düsteren Welttheaters der Moderne in seinen Bezügen zur Kunstphilosophie Benjamins, zur politischen Theologie Schmitts und zur Soziologie Max Webers erschlossen. Vgl. das Inhaltsverzeichnis.

 

Mionskowski, Souveränität als Mythos

 


Konstanze Heininger: „Ein Traum von großer Magie“. Die Zusammenarbeit von Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt. München: Utz 2015. [49,00 €]

„Wäre Max Reinhardt nicht auf der Welt, müßte sich vieles in meiner Existenz anders einrichten“, so schreibt Hugo von Hofmannsthal im August 1911. Mit der Uraufführung der „Elektra“ 1903 begann eine Zusammenarbeit, die nicht nur für Hofmannsthals schriftstellerische Existenz bedeutend war, sondern in gleichem Maße die künstlerische Tätigkeit des Regisseurs Reinhardt beeinflusste – und darüber hinaus das deutschsprachige Theater ihrer Zeit. In den folgenden Jahren entstanden Inszenierungen zahlreicher Werke Hofmannsthals, von „König Ödipus“ über „Der Schwierige“ oder die Opern „Der Rosenkavalier“ und „Ariadne auf Naxos“ bis zum „Salzburger Großen Welttheater“ und „Jedermann“. Ein weiteres Resultat der gemeinsamen Arbeit sind die Salzburger Festspiele, die es ohne die glückliche Begegnung in ihrer heutigen Form nicht geben würde. Ausgehend von den Jugendjahren beider Männer stellt diese Untersuchung das Wesen der kongenialen Zusammenarbeit dar, von ihren theoretischen Grundlagen bis zu deren gemeinschaftlicher Verwirklichung.

 Heininger, Reinhardt


2014


Carina Heer: Gattungsdesign in der Wiener Moderne. Traditionsverhalten in Dramen Arthur Schnitzlers und Hugo von Hofmannsthals. München 2014.

Die Erlanger Dissertation belegt das diffizile Verhältnis von ästhetischer Tradition und Innovation bei Schnitzler und Hofmannsthal mit dem Begriff ‚Traditionsverhalten‘, unterstellt also eigentlich ein praxeologisches Verhältnis dieser Autoren zu den eingeführten literarischen Gattungen. Als Fallbeispiele diskutiert werden jeweils mit Rekurs auf das vorherrschende ‚Gattungsdesign‘ „Gestern“ (Proverbe dramatique), „Der Tor und der Tod“ (Totentanz), „Elektra“ (Tragödie), „Jedermann“ (Morality play) und „Xenodoxus“ (Jesuitendrama). Der Leser müsse den jeweiligen Gattungsbezug (er)kennen, Hofmannsthal bewege sich zwischen einem Spiel mit der Tradition, „traditionsadäquater Aneignung und rein ästhetizistischer Nutzung“.

 

Carina Heer

 


 

Katharina Meiser: Fliehendes Begreifen. Hugo von Hofmannsthals Auseinandersetzung mit der Moderne. Heidelberg 2014.

Hellsichtig beobachtete Hugo von Hofmannsthal die gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit – und wollte daraus Konsequenzen ziehen: für das ‚positionslose’ Individuum genauso wie für den ‚marginalisierten‘ Künstler und die ‚seelenlose’ Gesellschaft.
Vor dem Hintergrund eines gesellschaftsgeschichtlichen Modernebegriffs rekonstruiert die Arbeit seine Auseinandersetzung mit diesen drei Themenkomplexen. Hermeneutische Analysen sowohl prominenter als auch weniger bekannter Dramentexte, Essays und Reden bieten einen repräsentativen Querschnitt vom ‚Tod des Tizian‘ bis zur Rede ‚Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation‘. In Summe zeigen sie erstmals systematisch, dass Offenheit, Ambivalenz und Heterogenität als Strukturmerkmale des Hofmannsthalschen Werks Folge seines gedanklichen Ringens mit Grundfragen der modernen Gesellschaft sind. Sein Oszillieren zwischen Anerkennung der Moderne und dem Wunsch nach ihrer Revision lässt eine fixe Stellungnahme nicht zu. Seine Positionierungsoptionen für Individuum, Künstler und Gesellschaft sind vorläufig und fragil.

 

Katharina Meiser, Fliehendes Begehren

 


 

Margarete Fuchs: Der bewegende Blick. Literarische Blickinszenierungen der Moderne. Freiburg i. Br. u.a. 2014.

Die Marburger Dissertation unterscheidet zwischen Sehen (als Wahrnehmung, Perzeption, stets auch Deutung und Wirklichkeitskonstitution) sowie dem Blick (als Körperausdruck auf Gegenseitigkeit, der eine weitreichende „Funktion innerhalb kultureller Zusammenhänge“ einnehme). Den hiermit in der Moderne verbundenen Verunsicherungen wie auch (etwa medientechnisch induzierten) neuen Semiotisierungen geht die Monographie anhand von Texten Heinrich Manns, Hofmannsthals, Kracauers, Benjamins und Aby Warburgs nach. Unter dem Titel „Bewegter Stillstand des Augenblicks“ wird „Elektra“ als Tableau vivant gelesen, als Gleichzeitigkeit von Stillstand und Bewegung. Konstitutive Funktion habe der Augen-Blick, in dem das Verhältnis von stasis und kinesis verhandelt werde. Im Zentrum des Dramas stehe der von Klytämnestra erzählte Augen-Blick des sterbenden Agamemnon, der das Geschehen erst in Bewegung setze.

 

Margarete Fuchs, Der bewegende Blick

 


 

Jörg Schuster: „Kunstleben“. Zur Kulturpoetik des Briefs um 1900 – Korrespondenzen Hugo von Hofmannsthals und Rainer Maria Rilkes. Paderborn: Fink 2014. (58,00 €, als e-book 44,99 €)

Die Monographie spricht sich zugunsten einer Reästhetisierung des Briefs um 1900 aus; sie weist eine Ersetzung des Lebens durch ein ‚Kunstleben‘ im Medium der authentischen Korrespondenz nach. Als Reaktion auf die ästhetische Moderne entwickelt sich in Korrespondenzen Hofmannsthals und Rilkes eine neue Gebrauchskunst: „Das Sich-Einrichten, Sich-Arrangieren mittels Briefen mag auf den ersten Blick als eine Banalität erscheinen; bei näherem Hinsehen entpuppt es sich als spezifische Qualität der Gattung um 1900.“ Hofmannsthal nutzt sie, um sich gegen die Zudringlichkeit des Lebens in einer Überschreitung auf die Kunst zu wehren. Dass ihm Lebensflucht, Imagination, gar Selbstgespräch wichtiger sind als Dialog und wie er das Leben seiner Briefpartner poetisch umdeutet, zeigt der Band anhand der Briefwechsel mit George, Marie von Gomperz, Borchardt, Beer-Hofmman, Kessler, Karg von Bebenburg und Ottonie von Degenfeld.

 

Jörg Schuster, Zur Kulturpoetik des Briefs um 1900


Norbert Christian Wolf: Eine Triumphpforte österreichischer Kunst. Hugo von Hofmannsthals Gründung der Salzburger Festspiele. Salzburg/Wien: Jung und Jung 2014. (26,00 €)

Hofmannsthal hatte wesentlichen Anteil an den ideellen Vorbereitungen der Salzburger Festspiele; er steuerte zudem mit dem „Jedermann“ und dem „Salzburger Großen Welttheater“ Gründungstexte und Programmstücke der mit seiner Unterstützung zur Institution gewordenen Spiele bei. Wolfs Darstellung arbeitet organisatorische und kulturpolitische Voraussetzungen heraus, etwa die österreichischen Reaktionen auf den ‚Mythos Bayreuth‘ und forcierte Pläne für eine kulturelle Weltgeltung Österreichs. Eine deutschtümelnde und dem österreichischen Patriotismus dienliche Programmatik ist auch in Hofmannsthals Texten erkennbar. Der materialreiche Band zeigt aber auch, inwiefern das Festspielprojekt hinsichtlich der Dramenproduktion auf eine Aufhebung der „Entwicklungsdynamik des Dramas in der ästhetischen Moderne“ hinwirkte.

 

Norbert Christian Wolf, Hofmannsthals Gründung der Salzburger Festspiele

 


Teona Djibouti: Aufnehmen und Verwandeln. Hugo von Hofmannsthal und der Orient. München: Iudicium 2014. (25,00 €)

Die vor allem motivanalytische Arbeit versucht sich an einer Bestandsaufnahme oder arbeitet einer solchen, noch zu leistenden doch vor. Vor allem im Frühwerk Hofmannsthals finden sich zahlreiche Reminiszenzen an die Kultur des Orients, die Verfasserin konzentriert sich auf die lyrische Gattung des Ghasels, auf die Rezeption der Märchen aus Tausendundeiner Nacht sowie auf das Motiv des Teppichs. Dabei werden Texte wie das „Märchen der 672. Nacht“ oder „Die Frau ohne Schatten“ weitgehend textintern analysiert. Das Spätwerk kennt dann auch Bezugnahmen auf die Kulturen des Fernen Ostens. Der Ausgangspunkt Wiens gilt Hofmannsthal als „Brückenpfeiler“ zwischen Orient und Okzident.

 

Teona Djibouti, Aufnehmen und Verwandeln

 


 

Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Kassner und Rainer Maria Rilke im Briefwechsel mit Elsa und Hugo Bruckmann 1893-1941. Hg. und kommentiert von Klaus E. Bohnenkamp. Göttingen: Wallstein 2014. (72,90 €, als e-book 57,99 €)

Die Münchner Salonnière Elsa Bruckmann (1865-1946), geborene Prinzessin Cantacuzène, eine der „faszinierendsten Gestalten der Münchner Gesellschaft in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts“, und ihr Ehemann, der Kunstverleger Hugo Bruckmann (1863-1941), boten den Künstlern der Moderne seit den späten 1890er Jahren ein Forum der Begegnung. Berüchtigt ist die lebenslang strikt deutschnational gesinnte Elsa Bruckmann freilich dafür, dass sie 1924 Adolf Hitler in die vornehme Gesellschaft Münchens einführte und ihm bis in den Tod treu blieb. Die hier erstmals edierten Briefwechsel dokumentieren allerdings nicht nur ihre  vielseitigen künstlerischen Interessen, sondern auch die jahrzehntelange Verbundenheit mit Hofmannsthal, Kassner und Rilke. Nach einem vielversprechenden Kennenlernen zwischen der unverheirateten Achtundzwanzigjährigen und dem kaum Neunzehnjährigen in Wien hält Hofmannsthal die ihm bald dämonisch erscheinende Brieffreundin auf Distanz. Alle drei Autoren sind ihr indes jederzeit intellektuell ebenbürtige Dialogpartner.

 

MC_1539-6_Bruckmann_lay-6.indd

 

 


Hofmannsthal. Orte. 20 biographische Erkundungen. Hg. v. Wilhelm Hemecker und Konrad Heumann in Zusammenarbeit mit Claudia Bamberg. Wien: Zsolnay 2014. (29,90 €)

Der Band unternimmt den Versuch, Hofmannsthals Biographie anhand der Quellen neu zu beleuchten. Ausgegangen wird nicht von der Chronologie des äußeren Lebens, sondern von den Orten, an denen Hofmannsthal gelebt und gearbeitet hat. Angefangen beim Geburtshaus in der Salesianergasse und dem Akademischen Gymnasium in Wien über künstlerisch prägende Orte wie das Café Griensteidl und das Burgtheater bis hin zu den Städten Venedig, Paris, Berlin und München machen die Autoren zentrale Konstellationen seines Lebens sichtbar. Mit Beiträgen von Claudia Bamberg, Albert Dikovich, Ilija Dürhammer, Tobias Heinrich, Wilhelm Hemecker, Konrad Heumann, Kurt Ifkovits, Katja Kaluga, Katya Krylova, David Oels, David Österle, Marco Rispoli, Katharina J. Schneider, Gerhard Schuster, Joachim Seng, Martin Stern und Reinhard Urbach. Vgl. das Inhaltsverzeichnis und die IASL-Rezension von Helmut Pfotenhauer.

 

Hofmannsthal. Orte. 20 biographische Erkundungen

 


2013


Antonia Eder: Der Pakt mit dem Mythos. Hugo von Hofmannsthals ‚zerstörendes Zitieren‘ von Nietzsche, Bachofen, Freud. Freiburg: Rombach 2013. (Reihe Litterae; 198) (32,80 €)

Die Monographie befasst sich mit der mythopoetischen Arbeit Hofmannsthals um 1900, der Produktion von Mythosvariationen, die letztlich auf den Zerfall der Form hinarbeiten. Repräsentation wird durch Präsenz ersetzt, die dazu korrespondierende Form ist das iterative Erzählen. In ausführlichen Lektüren von „Elektra“, „Ariadne auf Naxos“ und des „Pentheus“-Fragments, modernen Umdeutungen antiker Mythen also, zeichnet die Verfasserin die archaisierende Restitution des Mythos und den narrativen Kollaps nach, der durch eine zerstörerische Zitiertechnik vorbereitet wird. Vor allem die „Elektra“ wird detailliert als intertextuelles Produkt beschrieben. Hofmannsthals spezifische Erneuerung des Mythos ereignet sich im Einbruch von Präsenz bzw. des Numinosen in den Raum der Narration des Mythos. Damit schreiben sich Hofmannsthals Texte in das Interesse der Moderne an einer gesteigerten Gegenwart ein.

 

Antonia Eder, Der Pakt mit dem Mythos

 

 


Hugo von Hofmannsthal: Aufzeichnungen. Hrsg. von Rudolf Hirsch (†) und Ellen Ritter (†) in Zusammenarbeit mit Konrad Heumann und Peter Michael Braunwarth. 2 Bände. Frankfurt /Main: S. Fischer 2013. (Sämtliche Werke XXXVIII/XXXIX) (499 €)

Seit Anfang der 90er Jahre haben Rudolf Hirsch (1905–1996) und Ellen Ritter (1943–2011) eine kritische Edition der von Hofmannsthal überlieferten ‚Aufzeichnungen’ erarbeitet. Es handelt sich um ein umfangreiches Konvolut aus Tagebüchern sowie verstreuten Exzerpten, Reflexionen, Aphorismen, Träumen und poetischen Entwürfen, das ihm sein Leben lang als Gedankenvorrat und Merkhilfe diente. Entstanden ist so eine zweibändige, dichte Chronik mit über 2000 eigenhändigen Zeugnissen zu Hofmannsthals innerem und äußerem Leben. Ein ausführlicher Kommentar sowie ein Register zu Hofmannsthals Werken (500 Einträge) und ein kommentiertes Personenregister (3400 Einträge) erschließen den Text. Vgl. die Einführung in die Edition  sowie die Leseproben.

 

 

 


Hugo und Gerty von Hofmannsthal – Hermann Bahr. Briefwechsel 1891-1934. Hg. und kommentiert von Elsbeth Dangel-Pelloquin. 2 Bände. Göttingen: Wallstein 2013. (58,00 €)

Der Briefwechsel zwischen Hermann Bahr und Hugo von Hofmannsthal ist ein herausragendes Dokument der Wiener Moderne. Er liefert die Stichworte, verhandelt die Parolen und Lektüren und kreiert den Gründungsmythos des »Jungen Wien«. Bahr setzt als Kritiker in den Feuilletons Maßstäbe, die auch heute noch gültig sind; beide Autoren sind in Reformprojekte des Theaters involviert, zu denen Hofmannsthal die Dramentexte liefert. Ihre Briefe sind ein Fundus für die Entstehung der Werke, für die zeitgenössische Literatur- und Theaterkritik und für die Geschichte des Theaters. Sie enthüllen ein riesiges Netzwerk an Beziehungen, Verstrickungen und Verwerfungen, in dem viele maßgebende Zeitgenossen versammelt sind. Durch die Integration des gleichzeitigen Briefwechsels Bahrs mit Gerty von Hofmannsthal wird das Männerduo zum Trio mit weiblicher Stimme, in dem sowohl Hofmannsthals Verlobungszeit und Ehe als auch Bahrs Interesse an Gerty von Hofmannsthal vernehmbar werden.

 

BW Bahr